Unsere Antwort war vor dem Seminar meistens: Na ja, man kann sich ja immer noch verbessern, wir machen sicher immer die gleichen Fehler, Macken schleifen sich ein usw. Aber eine der besten Antworten darauf lieferte der Seminarleiter, Geoff Lindsey, selbst: Aufgrund der vielen komplexen, gleichzeitig ablaufenden Prozesse beim Dolmetschen sprechen wir in der Kabine meist nur unser „zweitbestes Englisch“. Dabei sollte es doch eigentlich unser Anspruch und unser Ehrgeiz sein, stets und ständig unser „bestes Englisch“ zu präsentieren.

„I am obsessed with pronunciation.“ Wer hätte gedacht, dass sich schon in diesem Satz so viele Aussprache-Stolperfallen befinden, angefangen vom Laut „schwa“ [ə], einer Art Hustenlaut oder unfeiner: Grunzlaut, der an vielen Stellen zu finden ist, wo man als Deutsche/r erst einmal ein „o“, „a“ oder „e“ vermutet und gerne auch spricht, z. B. in „to“ [tə], „ago“ [əˈɡəu] oder sogar zwei Mal – einmal lang, einmal kurz – in „interpreter“ [ɪnˈtəːprɪtə]. Allein diesen Laut richtig zu artikulieren, macht die Aussprache schon ein ganzes Stück authentischer – wovon wir uns im Seminar live überzeugen konnten. Minimaler Einsatz, maximaler Gewinn sozusagen.

Aber es gab noch eine ganze Reihe weiterer Aha-Momente. Eine auf Video gezeigte Rede des Ex-EU-Finanzkommissars Jonathan Hill klang zum Beispiel beim Anhören nach glockenklarem, wunderbar verständlichem Englisch. So wie wir uns unsere Redner gerne wünschen und selten bekommen. Beim verlangsamten Abspielen wurde allerdings hörbar, wie viele Vokale und Konsonanten Mr. Hill eigentlich „unterschlägt“, wie viele Wörter verkürzt und zusammengezogen werden, ohne dass irgendeine Verständlichkeitseinbuße einträte.

Interessant wurde es, als wir dann selbst versuchten, es Jonathan Hill gleichzutun. Unvorstellbar, wie schwierig es war, wirklich jede einzelne „j“-, „w“- und „r“-Verbindung authentisch hinzubekommen, ganz abgesehen von den „schwas“. Hier kam auch gleich das von Geoff empfohlene SMART-Übungssystem zu Einsatz (slow, more, anticipate, repeat, turn), das heißt, die Sätze langsam auszusprechen (Konsonanten dehnen, eine sehr interessante Erfahrung!), dabei gefühlt zu übertreiben, die Sätze von hinten aufzubauen, Wörter und Sätze zu wiederholen und ganz am Ende die neu erworbene Aussprache noch einmal mit der alten, „falschen“ zu vergleichen.

Auch an historischen Exkursen fehlte es nicht. So erfuhren wir zum Beispiel, warum heute manche Briten hinter vorgehaltener Hand über das Englisch der Queen lachen: Seit den 1950er Jahren hat sich der Ort der Aussprache bestimmter, vor allem heller Vokale „nach unten“ verschoben, und zwar in der gesamten Gesellschaft inklusive der modernen Oberschicht und den Leitmedien, sodass die vor einem halben Jahrhundert erlernte Aussprache heute antiquiert und aus der Zeit gefallen wirkt.

Nach diesem mehrtätigen Seminar surrte es uns in den Ohren und brummte der Schädel, aber trotz teilweise sehr unterschiedlicher Vorkenntnisse schienen alle Teilnehmer_innen neue Erkenntnisse und Inspirationen aus dem Seminar mitgenommen zu haben. Und wer nun neugierig geworden ist auf weitere Einblicke, z. B. warum man sich nicht nur einbildet, bei „the Obama r administration“ oder bei „Law r and Order“ ein „r“ in der Mitte zu hören, sondern warum dort tatsächlich eines gesprochen wird, dem sei Geoffs Speech Talk Blog auf enlighspeechservices.com ans Herz gelegt – oder das nächste Pronunciation Enhancement Seminar.

Vivi Bentin

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